Der rote Kasten auditiver Autonomie
Ich war sieben Jahre alt, als mein Vater einen Rappler bekam. Fortan weigerte er sich konsequent und mit sich aller ihm eigenen Durchsetzungskraft, je wieder auch nur eine einzige "Benjamin Blümchen"-Kassette in seinem Autoradio abzuspielen.
Damals löste dieser Schritt der Härte und des zukünftigen Verzichts auf das geliebte "Torööööö!" auf längeren Autofahrten bei meinem Bruder und mir eine mittelschwere Sinnkrise hervor. Nicht zu Schweigen von der Langeweile, die sich fortan in den sommerlichen Staus ausbreitete.
Aber ganz die durchsetzungsstarken Kinder meines Vaters boykottierten wir seine Weigerung mit ebenso konsequenter Quängelei auf den Rücksitzen. Gerade und gern in Staus. Und mit quäkiger Kinderstimme gab es dann Dialoge wie "Der N. ist ein Pupsbär!" - "Bin ich ni-hi-hiiiiiicht!" - "Biste wo-ho-hoooooool!".
Ich glaube, insgeheim reute mein Vater seine Konsequenz, die ihm nach dem einmal ausgesprochenen Verbot selbst verbat, doch wieder auf die Kinderbespaßungskassetten mit dem grauen Ungetüm zurückzugreifen. Besonders bei der Durchsage aus dem bei ihm bevorzugten Deutschlandfunk: "Und hier die Staus ab 15 Kilometer Länge (...) 18 Kilometer Stau vor dem Kamener Kreuz"
Die konsequenzwahrende und Familienfrieden-stiftende Lösung kam schließlich - wie so oft in interfamiliären Problemfällen - von meiner Mutter. Die beschloss nämlich eines Tages unter Zuhilfenahme eines Discounterangebotes, dass die Anschaffung von Walkmen für uns Kinder alle Seiten glücklich werden lassen könnte.
So bekam ich den ersten Walkman meines Lebens. Ein roter Kasten. Quader- und unförmig. Mit adretten Bügelkopfhörern und vierfachem Batteriebedarf. Ich war das wohl glücklichste Kind des Planeten. Und ich entwickelte eine unglaubliche Schnelligkeit beim Zurückspielen von Lieblingsliedern ohne Rewind-Taste, die aus irgendwelchen - nur dem Discounter ersichtlichen - Gründen einfach weggelassen worden war.
Ich hörte meine liebsten Kinderkassetten. Später dann die ersten Musikkassetten. Der schwere, rote Block begleitete mich. Auf vielen Reisen. Auf vielen Ausflügen. In viele Betten - vom Landschulheim bis zu Schulfreundinnen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass meine unbändige Liebe zur Musik in Verbindung mit Bewegung von dem riesengroßen Kasten herrührt, der auditive Autonomie in der nachrichtendurchschwängerten Luft der Familienkutsche bedeutete.
Heute wird der Walkman 30 Jahre alt. Hätte ich den roten Kasten heute noch, so würde ich ihn heute vielleicht mit dem mitgelieferten Plastikumhängeband durch die Gegend tragen und musikverloren in Gedanken schwelgen.
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kerstin / Website (1.7.09 08:47) Autsch, dieser Post ruft in mir den Schmerz des Verzichtenmüssens hervor. Hatten wir hier im Osten schon in Ermangelung des Ghettoblasters unsere Mono-Stern-Rekorder wenigstens in die Plattenbaudurchgänge geparkt, um wenigstens ein monströses Echo zu erzeugen, gab es für die kleinen Egobespielkisten so gar keinen Ersatz. Wohl dem, der 'ne Tante im Westen hatte ... |
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Nuni (1.7.09 22:47) Ach ja, das rote Ding. Und man hat sich damals so gar keine Gedanken hinsichtlich des späteren Hörvermögens der Kinder gemacht. Scheint aber gut gegangen zu sein... Und der große graue Berg hatte endlich Sendepause. War da nicht später auch noch ein roter Kassettenrekorder, der an Deinem Bett stand? Und wo sind die ganzen Kassetten geblieben? Ich muss mal auf dem Boden kramen! |





