Der Wandler der Gezeiten

Ich wandle auf den Pfaden der Gezeiten. Meine Gefühle sind es, die mich tragen und die mich manches überstehen lassen, was andere längst hätte zerbrechen lassen.

Ich habe viel gesehen, viel gehört und vieles erlebt. Manche Bilder werden meinen Kopf nie wieder verlassen. Da sind Schreie in dunklen und kalten Nächten, die so merkerschütternd sind, dass mir allein bei dem Gedanken daran ein Schauer über den Rücken läuft. Grauenvolle Geräusche untermalt von dem Licht des Mondes. Erinnerungen, die sich wie ein Brandzeichen in die Synapsen eingebrannt haben. Die auftauchen, sobald eine Wolke das Mondlicht freigibt, sobald ich die Geräusche eines bestimmten Fahrzeugs höre, sobald ein Knall die Stille der Nacht durchbricht.

Ich habe in Schlamm, Schmutz und Dreck gelegen. Ich habe Kälte und Hitze überstanden. Ich habe mir meine Notdurft verkniffen, bis ich dachte, meine Blase müsse platzen und Durst empfunden, bis ich dachte, dies nicht zu überleben. Ich hatte Angst und musste Mut beweisen. Ich wollte wegrennen und lief doch voran. Ich unbeweglich dagelegen, dagehockt, dagesessen. Auch im schlimmsten Hagel, den man sich nur vorstellen kann.

Denn ich wandle auf den Pfaden der Gezeiten. Und in diesen Zeiten waren meine Gefühle im Bereich der Ebbe. Ich habe sie ausgestellt, sie verdrängt, sie absterben lassen, um all diese Erfahrungen machen zu können, um sie zu überleben. Um immer Herr der Lage zu sein. Um nicht ich sein zu müssen. Um zu funktionieren.

Unerwartet dann stieß mich die Kraft der Gezeiten zurück in die kraftvolle und mächtige Flut. Ich, der so unbesiegbar, so stark, so kalt und doch so männlich war, ich brach in den Wellen der Gezeiten. Und aus mir strömten die vergessen geglaubten Gefühle. Das Heimweh. Die Sehnsucht. Die Angst. Die Trauer. Ich hockte auf dem sandigen Boden des nirgendwo und weinte. Weinte, wie ich noch nie zuvor geweint hatte. einte um Freunde, die nicht mehr waren, um Menschen, die so weit fort sind, um mich. Denn ich wandle auf den Pfaden der Gezeiten.

Plötzlich berührte mich eine Hand. Hielt mich. Und seitdem weiß ich: Ich wandle nicht allein auf den Pfaden der Gezeiten.

 

15.2.07 17:44

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


alberto / Website (1.11.07 08:44)
Sehr guter Text! Bravo !