Possenspiel am Fenster
An einem nieseligen Januartag diesen Jahres - und ich erinnere mich noch gut, dass es von diesen Tagen eine Menge gab - verweigerte plötzlich ein Fenster den Dienst. Nicht, dass das Glas sich todesmutig zum Springen entschieden hätte. Nein, die Sache war diffiziler. Mehr verklemmt. Ich scheine da das schüchternste Fenster der Welt zu haben. Dabei sollte doch eigentlich nur das in den Rahmen, was auch dahin gehört. Schlüssel-Schloß-Prinzip. Sie verstehen?
Wie dem auch sei, das Fenster ging nicht mehr zu. Ich informierte meinen Vermieter. Der sagte, dass interesse ihn nicht. Das Fenster blieb offen. Bei Regen. Bei Schnee. Bei Sonne. Ein verklemmtes Allwetterfenster im Wohnraum eines modernen Höhlenmenschen.
Ich rief die Hausverwaltung an. Die sagte mir, ich sei nicht meldungsbefugt, das müsse der Vermieter machen. Ich erinnerte mich an den Hauptmann von Köpenick.
Schließlich kam Bewegung in die Sache. Irgendeine der vielfältig beteiligten Seiten hatte Erbarmen. Ich dachte, die Verklemmtheit wird dem Fenster schon ausgetrieben werden. Wäre ja gelacht! Da hatten die Bäume die ersten zarten Triebe an den Ästen. Und es regnete weiterhin über die Ostertage hinweg.
Im Mai hatten wir die ersten warmen Tage. Ich konnte mit dem Fenster erstmals gewollt das machen, was es ohnehin immer tat: Offen stehen lassen. Ein Handwerker wurde angekündigt. Es kam ein Maler, der sich alle Fenster besah. Auch die verklemmte Ziege, die partout aus dem Rahmen fallen wollte. Der Maler stellte fest, dass man die gläsernen Windbrecher allesamt überarbeiten müsse. Lack müsse man ihnen geben. Aber so richtig. Nur an Verklemmtheiten könne er nichts ändern. Da müsse ein Tischler...ach was!?!
Ende Juni standen alle Fenster im Haus offen, warmer Wind wehte ducrh die Wohnung und ich trug wenig verklemmt kaum Stoff auf der Haut. Nachdem ich der Hausverwaltung Lack gegeben hatte, kam nun ein Tischler. Besah sich im lauen Sommerabend am einzig freien Termin überhaupt kurz vor Mitternacht das verklemmte Ding im Schlafzimmer und sagte den druckreifen Satz: "Es klemmt. Da muss man was machen."
Den Sommer über regnete es. Mal schien die Sonne. Immer stand das Fenster offen. Manchmal hüllte ich dessen Unterteil in wärmende Handtücher. Die Feuchte, die Feuchte. Sie wissen schon. Die Hausverwaltung spielte die Schweigsame. Der Vermieter den Ahnungslosen. Das Fenster die Offenherzige. Ein fast perfektes Possenspiel.
Da flatterte unerwartet ein Brief ins Haus. Nicht etwa durch das offene Fenster, wohl aber über den Briefkasten. Ein Tischler, ein Tischler! Dem verklemmten, offenherzigen Ding würde er zeigen wer hier der Herr und Meister ist. Im Frühherbst...
Es regnete weiter, mal schien die Sonne - und die Kühle des Wetters schien sich auf leisen Sohlen in mein Zuhause zu schleichen. Die Blätter verfärben sich bunt, fallen tanzend, ungeschützt in das Innere des Fensters. Doch ich habe Hoffnung, dass dabei nichts passiert. Ein Tischler, tatsächlich ein Tischler, hat sich heute dem verklemmten, offenherzigen, liderlichen Ding angenommen...
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Bauen (22.6.11 10:00) Mir ging das neulich ganz genauso - das Fenster ging nicht mehr und es war kein Fensterbauer in Sicht! |





